Elena ging zu Beginn ihrer Tätigkeit davon aus, dass eine Schule im Wesentlichen dann gerecht sei, wenn für alle dieselben Regeln gelten, dieselben Prüfungen angeboten werden und niemand formal von einem Bildungsweg ausgeschlossen wird. Mit zunehmender Berufserfahrung wurde ihr jedoch deutlich, dass diese Sicht zu kurz greift.
Manche Jugendliche können zu Hause jederzeit Unterstützung erhalten, verfügen über einen ruhigen Arbeitsplatz und kennen durch ihre Eltern Bildungswege, Bewerbungsverfahren und berufliche Möglichkeiten sehr genau. Andere arbeiten neben der Schule, kümmern sich um Geschwister oder leben in einem Umfeld, in dem solche Informationen kaum verfügbar sind.
Dass beide Gruppen dieselbe Prüfung schreiben, bedeutet daher noch nicht, dass ihre Chancen zuvor tatsächlich vergleichbar waren. Gleichzeitig lehnt Elena eine rein deterministische Sicht ab.
Sie kennt Schüler, die trotz schwieriger Bedingungen außergewöhnlich erfolgreich waren, ebenso wie Jugendliche, die vorhandene Vorteile kaum genutzt haben. Individuelle Entscheidungen und Anstrengung bleiben also relevant.
Die Schwierigkeit besteht darin, Leistung zu beurteilen, ohne die Bedingungen ihrer Entstehung vollständig auszublenden. Vollständige Chancengleichheit hält Elena ohnehin für unrealistisch.
Familien werden sich immer hinsichtlich Zeit, Interessen, Wissen oder finanzieller Möglichkeiten unterscheiden, und nicht jede private Differenz kann oder sollte staatlich ausgeglichen werden. Daraus ergibt sich vielmehr die Frage, welche Nachteile gesellschaftlich vermeidbar sind und welche Institutionen selbst verstärken.
Für mich wäre Chancengerechtigkeit deshalb weder identische Behandlung noch die Garantie gleicher Ergebnisse. Sie würde bedeuten, zentrale Zugänge tatsächlich offen zu halten, vermeidbare Barrieren abzubauen und dort zusätzliche Unterstützung anzubieten, wo strukturelle Nachteile Handlungsmöglichkeiten erheblich einschränken.
Eine solche Unterstützung wäre nicht deshalb gerecht, weil alle dasselbe erhalten, sondern weil alle eine realistische Möglichkeit bekommen sollen, vorhandene Fähigkeiten zu entwickeln und eigene Entscheidungen zu treffen.