Vor ihrer Reise war Lara überzeugt, dass sie anderen Kulturen gegenüber bereits sehr offen war. Kulturelle Unterschiede verband sie vor allem mit Sprache, Essen oder bestimmten Traditionen.
Erst als sie mehrere Wochen mit internationalen Studierenden zusammenlebte, merkte sie, dass Unterschiede häufig viel stärker in alltäglichen Erwartungen und Kommunikationsweisen sichtbar werden. Während einer Gruppendiskussion kritisierte eine Mitstudentin eine ihrer Ideen sehr direkt.
Lara empfand das zunächst als persönlich und ziemlich unhöflich. Für die andere Studentin war eine offene Meinungsverschiedenheit dagegen völlig normal und sogar ein Zeichen dafür, dass man die andere Person ernst nimmt.
Einige Tage später erlebte Lara die umgekehrte Situation. Sie wollte eine Einladung eigentlich ablehnen, formulierte ihre Antwort aber sehr vorsichtig und unklar.
Dadurch entstand bei einem anderen Studenten der Eindruck, sie würde vielleicht doch kommen. Erst in einem späteren Gespräch verglichen sie ihre unterschiedlichen Vorstellungen von Höflichkeit, Kritik und klaren Grenzen.
Dabei wurde Lara bewusst, dass keine Kommunikationsweise grundsätzlich besser ist. Vielmehr können Missverständnisse entstehen, weil Menschen von Regeln ausgehen, die ihnen selbstverständlich erscheinen, ohne dass sie diese überhaupt aussprechen.
Seitdem versucht Lara, weniger schnell zu urteilen und häufiger nachzufragen, wenn ihr ein Verhalten merkwürdig erscheint. Rückblickend würde sie sagen, dass Reisen ihren Blick nicht deshalb verändert hat, weil sie nun mehr Fakten über andere Kulturen kennt.
Entscheidend war vielmehr, dass sie begonnen hat, auch ihre eigene Perspektive als kulturell geprägt zu betrachten. Für sie bedeutet interkulturelle Kompetenz deshalb nicht nur Offenheit gegenüber anderen, sondern auch die Bereitschaft, die eigenen Erwartungen kritisch zu hinterfragen.