Sabines Erfahrungen sprechen gegen zwei sehr einfache Vorstellungen von moralischem Wandel. Die eine behauptet, frühere Generationen hätten grundsätzlich die besseren Werte besessen und heutige Veränderungen bedeuteten vor allem Verlust.
Die andere setzt dagegen fast automatisch voraus, dass neuere Normen moralisch fortschrittlicher seien. Beides erscheint mir unzureichend.
Sabine erinnert die strenge Vereinskultur ihrer Jugend durchaus auch positiv. Disziplin, Loyalität und gemeinsames Durchhalten haben ihr Selbstvertrauen und soziale Zugehörigkeit vermittelt.
Dass andere ehemalige Sportler dieselben Praktiken als demütigend oder gesundheitlich problematisch erinnern, macht ihre eigene positive Erfahrung nicht falsch. Es zeigt aber, dass die Wirkung einer Norm sehr ungleich sein kann.
Einige Veränderungen lassen sich relativ gut als Fortschritt begründen. Wenn Verletzungen nicht mehr ignoriert werden, Athleten Missstände ansprechen dürfen und Autorität begründungspflichtiger wird, sprechen Gründe der Schadensvermeidung, Selbstbestimmung und Würde dafür.
Schwieriger wird es bei Veränderungen, die vor allem unterschiedliche Vorstellungen von Kommunikation oder Lebensführung betreffen. Hier wäre es voreilig, jede neuere Präferenz moralisch höher zu bewerten.
Außerdem erzeugt größere Autonomie selbst neue Belastungen: Wer ständig individuelle Ziele formulieren und sich selbst organisieren soll, kann einem anderen Druck ausgesetzt sein als jemand in einer stärker vorstrukturierten Umgebung. Weder Mehrheit noch Tradition können allein entscheiden, was Fortschritt ist.
Mehrheiten können ungerechte Normen tragen, während Tradition lediglich erklärt, dass etwas lange existiert. Plausibler wären Kriterien wie die Verringerung ernsthaften vermeidbaren Schadens, die Erweiterung realer Selbstbestimmung, gleiche moralische Berücksichtigung und die Möglichkeit, Autorität zu kritisieren.
Für historische Urteile ist außerdem wichtig, welche Alternativen damals erkennbar waren. Wenn eine Praxis bereits von Zeitgenossen kritisiert wurde, lässt sie sich schwerer allein mit dem Hinweis entschuldigen, sie sei eben zeittypisch gewesen.
Trotzdem muss zwischen der Bewertung einer Norm und der Schuld einzelner Menschen unterschieden werden. Gesellschaftliche Bedingungen erklären, warum Menschen bestimmte Praktiken übernommen haben, ohne deren moralische Qualität endgültig festzulegen.
Wer über Fortschritt entscheidet, lässt sich ebenfalls nicht auf eine einzige Instanz reduzieren. Wissenschaft kann Folgen untersuchen, Betroffene können Erfahrungen sichtbar machen, demokratische Verfahren schaffen Legitimität und moralische Argumente prüfen, ob Interessen gleich berücksichtigt werden.
Für mich wäre moralischer Fortschritt daher eine begründbare Veränderung, die nicht bloß einem neuen Geschmack entspricht, sondern vermeidbare Herrschaft oder Schädigung reduziert und Menschen als gleichberechtigte Personen ernster nimmt. Gerade ein solcher Fortschrittsbegriff sollte jedoch revisionsoffen bleiben.
Eine Gesellschaft, die überzeugt ist, alle eigenen moralischen Blindstellen bereits überwunden zu haben, hätte aus früheren Normwandlungen vermutlich wenig gelernt.