Malik hielt sich lange für politisch interessiert, beteiligte sich aber kaum an konkreten Entscheidungen in seinem Viertel. Er informierte sich, diskutierte mit Freunden und kritisierte gelegentlich kommunale Entscheidungen, ging jedoch davon aus, dass andere Bürger seine Interessen ungefähr mitvertreten würden.
Erst als ein Sportplatz in seiner Nähe dauerhaft umgestaltet werden sollte, besuchte er selbst eine Bürgerversammlung. Dort fiel ihm auf, dass bestimmte Gruppen sehr stark vertreten waren, während andere fast vollständig fehlten.
Zunächst interpretierte er das als unterschiedliches politisches Interesse. Gespräche mit Nachbarn zeigten ihm jedoch, dass die Ursachen wesentlich komplexer waren.
Manche arbeiteten während der Sitzungen, andere mussten Kinder betreuen, einige verstanden das Verfahren kaum und wieder andere hatten früher bereits Vorschläge gemacht, ohne jemals zu erfahren, was daraus geworden war. Damit wird deutlich, dass Beteiligung selbst Ressourcen voraussetzt.
Wer Zeit, institutionelles Wissen, sprachliche Sicherheit und Vertrauen in die eigene Wirksamkeit besitzt, kann seine Interessen leichter sichtbar machen. Dadurch besteht die Gefahr, dass gerade Menschen, die ohnehin über größere gesellschaftliche Ressourcen verfügen, auch politische Verfahren stärker prägen.
Daraus folgt meines Erachtens aber nicht, dass jede Form von Nichtbeteiligung ausschließlich institutionelles Versagen ist. Demokratie verlangt auch von Bürgern eine gewisse Bereitschaft, Zeit zu investieren, andere Positionen anzuhören und zu akzeptieren, dass die eigene Meinung nicht automatisch umgesetzt wird.
Sinnvoll erscheinen mir deshalb Verfahren, die unnötige Hürden reduzieren, ohne politische Beteiligung zu einer permanenten Pflicht zu machen. Unterschiedliche Termine, Betreuung für Kinder, verständliche Informationen und vor allem transparente Rückmeldungen über die Wirkung von Vorschlägen können die Teilnahme realistischer machen.
Gleichzeitig bleibt repräsentative Demokratie unverzichtbar, weil niemand zu jeder politischen Frage persönlich Stellung beziehen kann. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob alle ständig teilnehmen, sondern ob diejenigen, die teilnehmen wollen, eine reale und faire Möglichkeit dazu haben und ob gewählte Institutionen auch die Interessen jener berücksichtigen, die nicht dauerhaft präsent sein können.