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C1 Leselektüre: Digitale Identität, Algorithmen und Aufmerksamkeit

C1 LESETRAINING

Digitale Identität, Algorithmen und Aufmerksamkeit

Anspruchsvolle Lesetexte für Deutschlernende – mit individuellen Lesebegleitern, Verständnisfragen, Lösungen und einem umfassenden Abschlusstest.

C1 LESEN & REFLEKTIEREN

Zehn erzählende und reflektierende Lesetexte über digitale Selbstbilder, algorithmische Empfehlungen, Aufmerksamkeitsökonomie, Selbstinszenierung, Empörung, Filterblasen und bewusste Grenzen im Netz.

10 Lesetexte 50 Verständnisfragen 10 Lesebegleiter 20 Testfragen
KURZE ORIENTIERUNG

Alles Wichtige auf einen Klick

LERNZIELE

Das trainierst du

  • komplexere Texte über digitale Identität und Plattformlogik verstehen
  • algorithmische Auswahl, Selbstinszenierung und Vergleichsdruck analysieren
  • implizite Wirkungen digitaler Gewohnheiten und sozialer Erwartungen erkennen
  • anspruchsvollen Wortschatz zu Aufmerksamkeit und digitaler Selbstbestimmung verwenden
ARBEITSWEISE

So arbeitest du mit der Seite

  1. Lies zuerst den individuellen Lesebegleiter.
  2. Lies den Text und beantworte die fünf Fragen selbstständig.
  3. Öffne danach die möglichen Antworten und vergleiche.
  4. Bearbeite am Ende den Abschlusstest zu allen zehn Texten.
SEITENINHALT

Was dich erwartet

  • 10 eigenständige C1-Lesetexte
  • 50 offene Verständnis- und Analysefragen mit möglichen Antworten
  • 60 textbezogene Schlüsselwörter und 40 nützliche Wendungen
  • 20 abschließende Aufgaben: 10 zum Textverständnis und 10 zum Wortschatz
SEITENSUCHE

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TEXT 01

Das Profil, das klüger wirkte als sie selbst

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Als Clara ihr berufliches Profil überarbeitete, wollte sie eigentlich nur ein aktuelles Foto hochladen und ein paar alte Angaben korrigieren. Doch nach wenigen Minuten saß sie vor der Frage, wer sie im digitalen Raum sein wollte. Die Plattform schlug ihr Formulierungen vor: dynamisch, lösungsorientiert, belastbar, kreativ. Alles klang richtig und zugleich merkwürdig leer.

Clara arbeitete gern, aber sie war nicht immer belastbar. Sie hatte gute Ideen, aber nicht auf Knopfdruck. Sie war teamfähig, aber manchmal brauchte sie Ruhe. Trotzdem merkte sie, wie sie begann, sich an die Sprache der Plattform anzupassen. Ihr Profil sollte professionell wirken, nicht widersprüchlich. Also verschwanden Zwischentöne, und übrig blieb eine Version von ihr, die fast zu souverän war.

Am nächsten Tag zeigte sie das Profil einem Kollegen. Er sagte: „Klingt stark. Aber irgendwie nicht ganz nach dir.“ Clara lachte zuerst, dann dachte sie länger darüber nach. War digitale Selbstpräsentation immer eine kleine Übertreibung? Oder begann das Problem dort, wo man sich selbst nur noch in vermarktbaren Eigenschaften beschreibt?

In den folgenden Tagen änderte Clara den Text erneut. Sie ließ einige starke Wörter stehen, fügte aber konkrete Erfahrungen hinzu: ein schwieriges Projekt, eine gelungene Zusammenarbeit, eine Fortbildung, bei der sie anfangs überfordert gewesen war. Das Profil wurde länger, weniger glatt und aus ihrer Sicht ehrlicher.

Clara verstand, dass digitale Identität nicht einfach ein Spiegel ist. Sie ist eher ein Schaufenster: Man wählt aus, ordnet, beleuchtet und lässt vieles weg. Gerade deshalb braucht sie Verantwortung. Denn wer sich online nur als perfekte Fläche zeigt, verliert irgendwann vielleicht den Kontakt zu den eigenen Kanten.

Digitale Identität

5 Fragen
  1. Warum möchte Clara ihr berufliches Profil überarbeiten?
  2. Warum empfindet Clara diese Begriffe als problematisch?
  3. Was sagt ihr Kollege über das neue Profil?
  4. Wie verändert Clara ihr Profil danach?
  5. Was versteht Clara über digitale Identität?
TEXT 02

Der Algorithmus kennt meinen schlechten Abend

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Jonas bemerkte es an einem Dienstagabend. Er war müde, gereizt und hatte keine Lust mehr, mit jemandem zu sprechen. Also öffnete er eine Videoplattform, nur um kurz abzuschalten. Nach einem harmlosen Clip über Kochen folgte ein Video über Produktivität, dann eines über Menschen, die angeblich ihr Leben in dreißig Tagen verändert hatten, dann ein Vortrag über Disziplin.

Je länger Jonas schaute, desto schlechter fühlte er sich. Die Videos waren nicht aggressiv, sie waren sogar motivierend gemeint. Aber sie trafen ihn an einer empfindlichen Stelle. Während andere scheinbar ihre Routinen optimierten, lag er auf dem Sofa und schaffte nicht einmal, die Wäsche aufzuhängen.

Am nächsten Morgen fragte er sich, warum ihm genau diese Inhalte gezeigt worden waren. Natürlich wusste der Algorithmus nicht, dass er einen schlechten Abend hatte. Aber er kannte seine Klicks, seine Pausen, seine Suchbegriffe und die Videos, die er bis zum Ende angesehen hatte. Daraus entstand ein Bild, das manchmal genauer wirkte, als Jonas es angenehm fand.

Er löschte nicht sofort alle Apps. Das wäre ihm zu dramatisch vorgekommen. Stattdessen begann er, Empfehlungen bewusster zu unterbrechen. Er markierte bestimmte Inhalte als uninteressant, abonnierte Kanäle, die ihm wirklich gut taten, und legte das Handy weg, wenn er merkte, dass er nur noch aus innerer Unruhe weiterwischte.

Jonas lernte: Algorithmen haben keine Absichten wie Menschen, aber sie haben Wirkungen. Sie können trösten, informieren, verführen oder beschämen, je nachdem, in welchem Moment sie uns erreichen. Deshalb reicht es nicht, zu fragen, ob ein Inhalt objektiv gut ist. Man muss auch fragen, was er gerade mit einem macht.

Algorithmen

5 Fragen
  1. In welcher Stimmung öffnet Jonas die Videoplattform?
  2. Warum fühlt Jonas sich beim Schauen schlechter?
  3. Welche Daten können trotzdem ein Bild von Jonas erzeugen?
  4. Was macht Jonas, statt alle Apps zu löschen?
  5. Was lernt Jonas über Algorithmen?
TEXT 03

Nur noch eine Benachrichtigung

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Mara hatte sich vorgenommen, einen freien Vormittag zum Lesen zu nutzen. Das Buch lag auf dem Tisch, der Kaffee war noch warm, und für einen Moment fühlte sich alles ruhig an. Dann vibrierte ihr Handy. Eine Nachricht, eine E-Mail, eine Erinnerung, ein kurzer Kommentar unter einem Beitrag. Nichts davon war dringend, aber alles schien eine kleine Antwort zu verlangen.

Nach einer Stunde hatte Mara zwei Seiten gelesen und dreißigmal auf den Bildschirm geschaut. Sie war nicht wirklich online gewesen, aber auch nicht wirklich beim Buch. Ihre Aufmerksamkeit war wie ein Faden, der immer wieder durchschnitten und notdürftig zusammengeknotet wurde.

Früher hatte Mara gedacht, Konzentration sei vor allem eine Frage der Disziplin. Wenn man sich nur genug zusammenreiße, müsse es funktionieren. Inzwischen verstand sie, dass digitale Umgebungen bewusst so gestaltet sind, dass sie Aufmerksamkeit binden. Farben, Signale, kleine rote Zahlen und scheinbar persönliche Hinweise erzeugen das Gefühl, man könnte etwas verpassen.

Am nächsten Wochenende machte Mara ein Experiment. Sie legte das Handy in den Flur, schaltete nur wichtige Anrufe frei und stellte sich einen Timer für fünfzig Minuten. Die ersten zehn Minuten waren unangenehm. Sie griff mehrmals ins Leere, als läge das Handy noch neben ihr. Dann wurde es stiller in ihrem Kopf.

Nach fünfzig Minuten hatte sie mehr gelesen als an manchen ganzen Nachmittagen. Das bedeutete nicht, dass Mara plötzlich ein analoger Mensch geworden war. Aber sie begriff, dass Aufmerksamkeit Pflege braucht. Man schützt sie nicht, indem man stärker wird, sondern indem man die Umgebung klüger gestaltet.

Aufmerksamkeit

5 Fragen
  1. Was möchte Mara an ihrem freien Vormittag tun?
  2. Warum liest Mara in einer Stunde nur zwei Seiten?
  3. Wie beschreibt der Text ihre Aufmerksamkeit?
  4. Welches Experiment macht sie am nächsten Wochenende?
  5. Welche Erkenntnis gewinnt Mara am Ende?
TEXT 04

Das Foto, das nicht gepostet wurde

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Leonie stand auf einer Brücke, hinter ihr färbte die untergehende Sonne den Himmel rosa. Ihre Freundin machte mehrere Fotos, und auf einem sah Leonie tatsächlich so aus, wie sie sich online gern zeigen wollte: leicht, unabhängig, glücklich. Sie öffnete die App, wählte einen Filter und schrieb fast automatisch: „Manchmal braucht man nur einen Perspektivwechsel.“

Dann hielt sie inne. Der Satz klang schön, aber er stimmte nicht. Der Tag war nicht leicht gewesen. Leonie hatte kurz zuvor ein schwieriges Gespräch mit ihrer Mutter geführt, war den halben Nachmittag schweigend durch die Stadt gelaufen und hatte auf der Brücke eher Erschöpfung als Freiheit gespürt. Das Foto zeigte einen echten Moment, aber nicht die ganze Wahrheit.

Ihre Freundin fragte: „Postest du es?“ Leonie zuckte mit den Schultern. Früher hätte sie es sofort getan. Nicht, weil sie lügen wollte, sondern weil die Plattform nach klaren Stimmungen verlangte: glücklich, erfolgreich, nachdenklich, stark. Für Zwischentöne gab es zwar Worte, aber selten Aufmerksamkeit.

Leonie speicherte das Foto und steckte das Handy weg. Später, zu Hause, sah sie es sich noch einmal an. Es war immer noch schön. Aber sie musste es niemandem zeigen, damit der Moment existierte. Diese Erkenntnis war überraschend beruhigend.

Einige Tage später postete sie ein anderes Bild: nicht spektakulär, nur ihr Schreibtisch, ein Glas Tee und ein Satz darüber, dass manche Wochen unordentlich bleiben. Weniger Menschen reagierten darauf. Aber die Reaktionen, die kamen, waren persönlicher. Leonie verstand, dass digitale Sichtbarkeit nicht immer Nähe bedeutet. Manchmal beginnt Nähe dort, wo die Inszenierung aufhört.

Selbstinszenierung

5 Fragen
  1. Wo entsteht das Foto von Leonie?
  2. Wie möchte Leonie auf dem Foto wirken?
  3. Warum hält Leonie inne?
  4. Was erkennt Leonie, als sie das Foto speichert?
  5. Was versteht Leonie über Sichtbarkeit und Nähe?
TEXT 05

Die Wut, die gut klickte

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In Nils’ Nachrichtensammlung tauchten immer öfter Beiträge auf, die ihn wütend machten. Ein kurzer Ausschnitt aus einer Talkshow, ein empörter Kommentar, eine Überschrift mit Ausrufezeichen. Nils klickte darauf, weil er wissen wollte, was passiert war. Danach klickte er auf den nächsten Beitrag, der noch deutlicher versprach, dass jemand völlig versagt habe.

Nach einer Weile bemerkte er, dass er abends oft erschöpft war, obwohl er nur gelesen hatte. Die Empörung fühlte sich im ersten Moment aktiv an, fast moralisch. Man war nicht passiv, man bezog Stellung. Aber nach zwanzig Minuten blieb selten etwas übrig außer Müdigkeit und dem Gefühl, dass die Welt unvernünftiger geworden sei.

Ein Freund sagte zu ihm: „Vielleicht bekommst du nicht mehr schlimme Nachrichten als früher. Vielleicht bekommst du nur mehr Inhalte, die dich länger festhalten.“ Nils fand den Satz unangenehm, weil er seine eigene Rolle nicht ausblenden konnte. Er hatte oft auf wütende Beiträge reagiert, sie geteilt oder kommentiert. Damit hatte er dem System gezeigt, dass diese Inhalte funktionierten.

Nils begann, seine Reaktionen zu verzögern. Wenn ein Beitrag ihn sofort empörte, öffnete er ihn nicht direkt. Er suchte nach einer längeren Quelle, las den Kontext oder ließ das Thema ganz liegen. Nicht jede Empörung verschwand dadurch, aber viele wurden kleiner.

Er verstand, dass Wut im Netz nicht immer falsch ist. Manchmal weist sie auf echtes Unrecht hin. Aber sie wird gefährlich, wenn sie zum Geschäftsmodell wird. Dann geht es nicht mehr darum, Probleme zu lösen, sondern darum, Menschen im Zustand der Erregung zu halten.

Empörung

5 Fragen
  1. Welche Beiträge tauchen bei Nils immer öfter auf?
  2. Wie fühlt sich Empörung im ersten Moment an?
  3. Was sagt sein Freund über die Inhalte?
  4. Wie verändert Nils sein Verhalten?
  5. Welche Gefahr erkennt Nils bei Empörung im Netz?
TEXT 06

Zwei Stunden, die verschwanden

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Eigentlich wollte Tobias nur kurz nachsehen, ob seine Nachricht beantwortet worden war. Als er das Handy entsperrte, sah er eine neue Meldung, dann ein Video, dann einen Link, den ihm jemand geschickt hatte. Zwei Stunden später saß er immer noch auf dem Bett, der Laptop vor ihm geschlossen, die Hausarbeit unberührt.

Das Erschreckende war nicht, dass er Spaß gehabt hätte. Wenn ihn jemand gefragt hätte, was er gesehen hatte, hätte er nur Bruchstücke nennen können: ein Rezept, einen Streit, eine Reiseempfehlung, einen Hund, der eine Tür öffnete. Nichts davon war wichtig gewesen. Trotzdem hatte jedes kleine Stück gereicht, um ihn beim nächsten zu halten.

Tobias begann, über seine Gewohnheiten nachzudenken. Das Problem war nicht ein einzelner schwacher Moment. Es war eine Schleife: Unruhe, Griff zum Handy, kurze Ablenkung, kleine Belohnung, neue Unruhe. Je öfter diese Schleife lief, desto automatischer wurde sie.

Er entschied sich nicht für einen radikalen Verzicht, sondern für Reibung. Das Handy lag beim Arbeiten nicht mehr auf dem Tisch. Die unterhaltsamsten Apps wanderten in einen Ordner auf der letzten Seite. Vor dem Öffnen einer App musste Tobias sich fragen: Was suche ich gerade? Wenn er keine Antwort hatte, blieb die App zu.

Nach einer Woche war nicht alles gelöst. Er verlor immer noch Zeit, aber seltener ohne es zu merken. Das war für ihn der entscheidende Unterschied. Digitale Selbstbestimmung begann nicht mit perfekter Kontrolle, sondern mit dem Moment, in dem aus einem Automatismus wieder eine Entscheidung wurde.

Gewohnheiten

5 Fragen
  1. Was möchte Tobias ursprünglich nur kurz prüfen?
  2. Warum ist die verlorene Zeit für Tobias besonders erschreckend?
  3. Welche Gewohnheitsschleife erkennt Tobias?
  4. Warum entscheidet er sich für mehr Reibung?
  5. Was bedeutet digitale Selbstbestimmung für Tobias?
TEXT 07

Die Filterblase im Familienchat

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Im Familienchat von Samira ging es früher um Geburtstage, Fotos und praktische Fragen. Irgendwann schickte ihr Onkel immer häufiger politische Videos. Die ersten ignorierte Samira. Dann antwortete ihre Cousine zustimmend, ein anderer Verwandter schickte einen ähnlichen Link, und plötzlich war der Chat voller Gewissheiten.

Samira wunderte sich, wie sicher manche klangen. Ein komplexes Thema wurde in zwei Minuten erklärt, Schuldige standen sofort fest, und wer nachfragte, galt als naiv. Als Samira einen Faktencheck verlinkte, schrieb ihr Onkel: „Natürlich sagen die offiziellen Medien das.“ Damit war jede Gegenposition bereits verdächtig.

Zuerst wurde Samira wütend. Dann wurde sie vorsichtiger. Sie merkte, dass es nicht nur um einzelne falsche Informationen ging, sondern um ein geschlossenes Deutungssystem. Innerhalb dieses Systems bestätigte jeder neue Link, was man ohnehin schon glaubte. Widerspruch wurde nicht geprüft, sondern als Beweis für die eigene Sicht gedeutet.

Samira schrieb schließlich keine lange Widerlegung. Stattdessen fragte sie ihren Onkel privat, warum ihm das Thema so wichtig sei. Das Gespräch war schwieriger, aber weniger feindlich. Er erzählte von Unsicherheit, Misstrauen und dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Samira stimmte seinen Quellen nicht zu, aber sie verstand besser, warum sie für ihn attraktiv waren.

Der Familienchat wurde danach nicht plötzlich friedlich. Doch Samira hatte gelernt, dass Filterblasen nicht nur durch Technik entstehen. Sie entstehen auch durch Gefühle, Zugehörigkeit und das Bedürfnis, in einer unübersichtlichen Welt einfache Ordnung zu finden.

Filterblase

5 Fragen
  1. Worum ging es im Familienchat früher?
  2. Warum wird der Faktencheck von Samira abgewertet?
  3. Was erkennt Samira über das Deutungssystem?
  4. Was erfährt sie im privaten Gespräch mit ihrem Onkel?
  5. Was lernt Samira über Filterblasen?
TEXT 08

Wenn alle schöner arbeiten

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Auf der Plattform, die Elena für berufliche Inspiration nutzte, arbeiteten scheinbar alle an hellen Schreibtischen, mit guten Kopfhörern, ruhigen Pflanzen und perfekt sortierten Notizbüchern. Menschen teilten ihre Morgenroutinen, ihre Ziele, ihre Wochenplanung und Fotos von konzentrierten Arbeitsphasen. Elena fand das zuerst motivierend.

Mit der Zeit wurde die Motivation jedoch schwer. Ihr eigener Arbeitsplatz war ein Küchentisch, den sie abends freiräumen musste. Manchmal arbeitete sie konzentriert, manchmal chaotisch. Wenn sie die Bilder der anderen sah, hatte sie das Gefühl, nicht nur schlechter organisiert zu sein, sondern grundsätzlich weniger professionell.

Eines Tages sah sie ein Video einer Frau, die erzählte, dass ihr perfekter Arbeitsbereich nur für Aufnahmen so aussehe. Außerhalb des Bildes lägen Kabel, Wäsche und ungeöffnete Briefe. Elena lachte laut, weil sie sich ertappt fühlte. Sie hatte aus sorgfältig kuratierten Ausschnitten eine ganze Lebenswirklichkeit gebaut.

Danach begann sie, digitale Vergleiche anders zu betrachten. Sie fragte sich: Was sehe ich nicht? Wer profitiert davon, dass dieses Bild professionell wirkt? Welche Arbeit steckt darin, Mühelosigkeit zu zeigen? Diese Fragen machten die Bilder nicht wertlos, aber sie nahmen ihnen die Macht.

Elena richtete ihren Arbeitsplatz nicht perfekt ein. Sie kaufte eine bessere Lampe und eine kleine Box für Unterlagen. Das half wirklich. Der Rest blieb unvollkommen. Zum ersten Mal empfand sie das nicht als Scheitern, sondern als Realität. Nicht alles muss wie ein Beitrag aussehen, um zu funktionieren.

Vergleichbarkeit

5 Fragen
  1. Welche Art von Arbeitsbildern sieht Elena auf der Plattform?
  2. Was verändert sich mit der Zeit?
  3. Was erzählt die Frau in dem Video?
  4. Welche falsche Annahme erkennt Elena dadurch?
  5. Was verändert Elena konkret an ihrem Arbeitsplatz?
TEXT 09

Der Kommentar, der den ganzen Tag blieb

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Als Karim einen kurzen Text veröffentlichte, erwartete er keine große Reaktion. Es war nur eine Beobachtung über das Leben in der Stadt, geschrieben nach einem langen Spaziergang. Die ersten Kommentare waren freundlich. Jemand schrieb, der Text habe ihn berührt. Karim freute sich und las den Satz mehrmals.

Dann kam ein anderer Kommentar: „Sehr bemüht, aber ziemlich banal.“ Nur sechs Wörter. Karim kannte die Person nicht. Trotzdem blieb dieser Satz länger in seinem Kopf als alle freundlichen Reaktionen zusammen. Beim Abendessen dachte er daran, beim Einschlafen und am nächsten Morgen wieder.

Er ärgerte sich über sich selbst. Warum hatte ein fremder Kommentar so viel Macht? Vielleicht, weil digitale Anerkennung schnell messbar ist: Likes, Herzen, Antworten, Zahlen. Man weiß sofort, ob etwas ankommt. Aber Ablehnung ist ebenso sichtbar und manchmal noch lauter.

Karim löschte den Kommentar nicht. Er antwortete auch nicht. Stattdessen las er seinen Text noch einmal. Er fand ihn nicht perfekt, aber auch nicht banal. Dann schrieb er in sein Notizbuch, warum er überhaupt veröffentlichte: nicht um jeder Person zu gefallen, sondern um Gedanken zu teilen, die sonst liegen bleiben würden.

Der Kommentar verschwand dadurch nicht sofort aus seinem Kopf. Aber er wurde kleiner. Karim verstand, dass digitale Räume Anerkennung versprechen und Verletzlichkeit mitliefern. Wer etwas zeigt, gibt anderen ein Stück Deutungsmacht. Die Kunst besteht darin, diese Macht nicht vollständig abzugeben.

Anerkennung

5 Fragen
  1. Was veröffentlicht Karim?
  2. Welcher negative Kommentar trifft Karim?
  3. Warum bleibt dieser Kommentar so lange in seinem Kopf?
  4. Warum löscht Karim den Kommentar nicht?
  5. Welche Erkenntnis gewinnt Karim über digitale Räume?
TEXT 10

Offline sein als sozialer Mut

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Als Sophie ankündigte, am Wochenende nicht erreichbar zu sein, reagierten ihre Freunde scherzhaft: „Was ist los, gehst du ins Kloster?“ Sophie lachte mit, aber ein Teil von ihr war nervös. Nicht erreichbar zu sein klang in ihrer Gruppe fast unhöflich. Man antwortete schnell, reagierte auf Bilder und bestätigte durch kleine Zeichen, dass man noch dazugehöre.

Sophie fuhr allein an einen See. Sie nahm das Handy mit, schaltete es aber in den Flugmodus. Am ersten Nachmittag fühlte sie sich merkwürdig ausgeschlossen, obwohl niemand sie ausgeschlossen hatte. Sie stellte sich vor, wie im Chat Pläne entstanden, Witze gemacht wurden und sie später alles nachlesen müsste.

Am Abend saß sie auf einer Bank und bemerkte, dass ihre Gedanken langsamer wurden. Sie schrieb ein paar Sätze in ein Notizbuch, ohne sie zu fotografieren. Sie sah den Himmel, ohne ihn zu teilen. Es war kein spektakulärer Moment, gerade das machte ihn ungewöhnlich.

Als Sophie am Sonntagabend wieder online ging, hatte sie viele Nachrichten. Die meisten waren unwichtig. Einige waren freundlich. Niemand war ernsthaft beleidigt. In der Gruppe fragte jemand: „Und, hast du überlebt?“ Sophie antwortete: „Ja. Sogar ziemlich gut.“

Danach wurde sie nicht dauerhaft offline. Aber sie begann, Erreichbarkeit als Entscheidung zu betrachten, nicht als Naturgesetz. Sie erklärte ihren Freunden, dass sie manchmal Pausen brauche. Einige verstanden es sofort, andere machten weiter Witze. Sophie störte das weniger. Sie hatte gemerkt, dass Zugehörigkeit nicht verschwinden darf, nur weil man zwei Tage nicht reagiert.

Selbstbestimmung

5 Fragen
  1. Was kündigt Sophie ihren Freunden an?
  2. Warum ist Sophie nervös?
  3. Warum fühlt sie sich zunächst ausgeschlossen?
  4. Was erlebt Sophie am Abend auf der Bank?
  5. Wie verändert sich Sophies Verständnis von Erreichbarkeit?
ABSCHLUSSTEST · ALLE 10 TEXTE

Textverständnis & Wortschatz

Dieser Test bezieht sich ausdrücklich auf alle zehn Lesetexte: Zu jedem Text gibt es eine Verständnisfrage und eine Aufgabe zum Wortschatz im Kontext.

20Fragen

Starte den Test zu allen zehn Texten

Der Test öffnet sich erst nach dem Klick. Danach kannst du 20 Aufgaben bearbeiten, deinen Fortschritt verfolgen und am Ende alle Lösungen mit Erklärungen prüfen.

DEIN LERNERGEBNIS

Was hast du auf dieser Seite trainiert?

Digitale Selbstbilder analysierenDu hast untersucht, wie Profile, Fotos und Plattformen ausgewählte Versionen von Identität erzeugen und welche Zwischentöne dabei leicht verschwinden.
Algorithmische Wirkungen erkennenDu hast verstanden, wie Empfehlungen, Empörung, Benachrichtigungen und kuratierte Ausschnitte Aufmerksamkeit und Wahrnehmung beeinflussen.
Digitale Selbstbestimmung stärkenDu hast Strategien analysiert, mit denen Menschen Reaktionen verzögern, Gewohnheiten unterbrechen und Erreichbarkeit bewusst begrenzen.
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