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Germannika
A2.2

Zu schnell verdächtigt – Warum sollte man zuerst fragen und dann urteilen?

MISSVERSTÄNDNISSE, GERÜCHTE UND PRIVATSPHÄRE1 Begleitmaterial1 Aufgabe

Begleitmaterial

Begleitmaterial · Buchauszug / Textauszug

Das Geheimnis der blauen Dose

Arbeitsauftrag
Lesen Sie den Auszug. Achten Sie darauf, welche Vermutungen die Kollegen über Herrn Bremer äußern, warum Mila die Dose an einen anderen Ort bringt und welche persönliche Geschichte wirklich hinter dem versteckten Mittagessen steckt.
BUCHAUSZUG
Germannika
Der Mann, der sein Mittagessen versteckte
Abschnitte 1–3 · 2026 · Germannika · Online
Im Stadttheater gab es viele Dinge, die nicht wirklich waren. Im Keller stand ein goldener Thron aus leichtem Holz. Neben der Werkstatt lag ein künstlicher Felsen. In einem Schrank warteten dreißig alte Hüte auf ihren nächsten Auftritt. Nur Herr Bremer war immer echt und zuverlässig.

Seit fast dreißig Jahren arbeitete er als Bühnentechniker. Jeden Morgen kam er um Viertel vor acht durch den Hintereingang. In der linken Hand trug er seine Werkzeugtasche. In der rechten hielt er eine blaue Dose.

In dieser Dose lag sein Mittagessen. Das glaubten jedenfalls seine Kollegen.

Kurz vor zwölf verschwand Herr Bremer mit der Dose. An manchen Tagen ging er in den Kostümraum. An anderen Tagen stieg er in den Keller oder lief hinter die große Bühne. Wenige Minuten später kam er ohne Dose zurück. Niemand sah ihn jemals damit in der Kantine.

„Vielleicht isst er heimlich“, sagte der Beleuchter Tom.

„Oder jemand stiehlt hier Essen“, meinte Frau Kern aus dem Büro. „Deshalb versteckt er es jeden Tag.“

Herr Bremer hörte solche Bemerkungen. Dann lächelte er nur und wechselte das Thema.

Mila arbeitete erst seit einer Woche im Theater. Am Montag suchte sie einen roten Regenschirm für eine Probe. In einer großen Holzkiste entdeckte sie hinter einer Krone die blaue Dose. Sie war kühl und steckte in einer isolierten Tasche. Auf dem Deckel klebte ein gelber Zettel: „Dort, wo heute ein König sitzt.“

Mila verstand die Nachricht nicht. Lebensmittel gehörten ihrer Meinung nach in einen Kühlschrank und nicht zwischen alte Requisiten. Deshalb brachte sie die Dose in die Theaterküche.

Eine halbe Stunde später sah sie Herrn Bremer durch den Flur laufen. Er schaute hinter Vorhänge, öffnete Schränke und fragte nach seiner Dose.

„Keine Angst“, sagte Mila. „Ich habe sie gefunden und in den Kühlschrank gestellt.“

Herr Bremer wirkte nicht erleichtert. „Dann wartet Ingrid wahrscheinlich noch beim Thron“, sagte er leise.

Ingrid Bremer arbeitete in der Kostümwerkstatt. Wenn viel zu tun war, vergaß sie häufig ihre Pause. Vor fünfundzwanzig Jahren hatte ihr Mann deshalb Essen für sie vorbereitet und unter dem goldenen Thron versteckt. In ihrer Manteltasche hatte er ein kleines Rätsel hinterlassen.

So begann ihr tägliches Spiel. Herr Bremer versteckte das Essen an verschiedenen Orten im Theater. Ingrid musste ihre Werkstatt verlassen, das Rätsel lösen und wirklich Pause machen. Meistens trafen sich die beiden am Versteck und aßen gemeinsam.

„Warum haben Sie das nie erzählt?“, fragte Mila.

Herr Bremer hob die Schultern. „Weil es unser Spiel war.“
Quelle: Germannika, „Der Mann, der sein Mittagessen versteckte“ · 2026 · Abschnitte 1–3 · Abschnitte 1–3 der Lese-Episode: die blaue Dose, die Vermutungen der Kollegen, Milas Fund und die Erklärung des gemeinsamen MittagessenspielsOriginalquelle ↗
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