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Germannika
B1.2
Zu spät zum Lernen? – Wie schafft man einen geschützten Anfang für Erwachsene?
SCHAM, ERWACHSENENBILDUNG UND SICHERES LERNEN1 Begleitmaterial1 Aufgabe
Begleitmaterial
Begleitmaterial · Buchauszug / Textauszug
Marta übt heimlich nach Feierabend
Arbeitsauftrag
Lesen Sie den Auszug. Achten Sie darauf, warum Marta ihre fehlenden Schwimmkenntnisse verheimlicht, welches Risiko durch ihr heimliches Training entsteht und wie Jonas und Frau Kranz versuchen, Sicherheit und Vertraulichkeit miteinander zu verbinden.
BUCHAUSZUG
Die Frau, die nachts schwimmen lernte
Jeden Abend um zweiundzwanzig Uhr schloss Marta Silva die letzte Umkleidekabine des Hallenbads. Dann kontrollierte sie die Duschen, sammelte liegen gebliebene Handtücher ein und wischte den Boden. Wenn alle Besucher gegangen waren, wurde es im großen Schwimmbad ungewöhnlich still.
Marta arbeitete seit vier Jahren dort. Sie kannte den Geruch von Chlor, das Piepen der Schließfächer und jeden dunklen Fleck auf den Fliesen. Nur schwimmen konnte sie nicht.
Niemand wusste das.
Wenn die Beschäftigten im Sommer gemeinsam an einen See fuhren, sagte Marta, ihre Haut vertrage das Wasser nicht. Wenn ein Kollege sie fragte, ob sie nach der Arbeit ein paar Bahnen schwimmen wolle, erklärte sie, sie sei zu müde.
Die Antworten klangen vernünftig. Trotzdem fühlte sich jede wie eine kleine Lüge an.
Als Kind hatte Marta nie schwimmen gelernt. In ihrem Heimatort gab es kein Schwimmbad. Der nächste See war weit entfernt, und ihre Eltern hatten selbst Angst vor tiefem Wasser.
Mit zwölf Jahren war Marta bei einem Schulausflug von einem Steg gefallen. Ein Lehrer hatte sie sofort herausgezogen. Trotzdem erinnerte sie sich noch an das kalte Wasser über ihrem Gesicht und an das Gefühl, keinen Boden zu finden.
Ihre Tochter Sofia war elf und schwamm ausgezeichnet. Eines Morgens erzählte sie vom Familienschwimmen im Hallenbad.
„Eltern dürfen mit ins Becken.“
„Ich kann vom Rand zuschauen“, antwortete Marta.
„Du schaust immer vom Rand.“
Sofia sagte es nicht böse. Gerade deshalb blieb der Satz bei Marta.
Am selben Abend stand Marta nach ihrer Schicht vor dem Lehrschwimmbecken. Es war nur neunzig Zentimeter tief.
In der ersten Nacht ging sie nur am Rand entlang. Beide Hände lagen fest auf der Metallstange. In der zweiten Nacht versuchte sie, sich hinzusetzen. Als das Wasser ihre Schultern berührte, sprang sie sofort wieder auf.
In der dritten Nacht nahm sie ein Schwimmbrett. Für einen kurzen Moment lösten sich ihre Füße vom Boden. Marta erschrak so sehr, dass sie das Brett losließ und nach der Stange griff. Sie atmete schnell, und ihr Herz schlug bis in den Hals.
Nach jeder Übung trocknete sie den Boden besonders sorgfältig. Niemand sollte sehen, dass sie im Becken gewesen war.
Dann begann Jonas als neuer Bademeister.
An einem Donnerstag kam er nach Feierabend zurück, weil er sein Schlüsselbund vergessen hatte. Das Hallenbad war fast dunkel. Nur über dem Lehrbecken brannte Licht.
Marta hielt sich mit beiden Händen am Rand fest und versuchte, ihren Körper auf die Wasseroberfläche zu legen.
„Marta?“
Sie verlor sofort das Gleichgewicht. Obwohl sie im flachen Wasser stand, schlug sie mit den Armen um sich.
Jonas ging in die Knie und sprach ruhig: „Stellen Sie beide Füße auf den Boden. Der Boden ist direkt unter Ihnen.“
Schließlich stand Marta auf.
„Ich wollte nur etwas ausprobieren“, sagte sie.
„Allein nach Betriebsschluss?“
„Das Becken ist nicht tief.“
„Auch in flachem Wasser kann jemand stürzen, bewusstlos werden oder in Panik geraten.“
Am nächsten Abend wartete Jonas mit zwei Tassen Tee und einem Formular im Personalraum.
„Das ist ein Antrag für einen Schwimmkurs außerhalb der normalen Öffnungszeiten“, erklärte er.
„Ich möchte keinen Kurs.“
„Sie möchten schwimmen lernen.“
„Das ist nicht dasselbe.“
Jonas verstand den Unterschied. Allein konnte Marta ihr Geheimnis behalten. In einem Kurs würden andere Menschen sehen, dass eine Mitarbeiterin des Schwimmbads nicht schwimmen konnte.
„Ich sage niemandem etwas“, erklärte er. „Aber ich kann nicht zulassen, dass Sie nachts allein weiterüben.“
Er schlug zunächst drei sichere Einzeltermine vor. Die Leiterin musste wissen, dass das Lehrbecken nach der Schließung benutzt wurde. Den persönlichen Grund sollte Marta ihr selbst erklären.
„Warum muss alles so kompliziert sein?“, fragte Marta.
„Weil Wasser keine Ausnahme macht, nur weil jemand sich schämt.“
Am nächsten Tag sprach Marta mit der Leiterin Frau Kranz.
„Natürlich dürfen Sie einen Kurs machen“, sagte sie.
„Sie wundern sich gar nicht?“
„Doch. Aber nicht darüber, dass Sie nicht schwimmen können. Ich wundere mich, dass Sie vier Jahre lang geglaubt haben, Sie müssten es verstecken.“
Auch zwei andere Beschäftigte fühlten sich im Wasser unsicher. Deshalb entstand ein kleiner Kurs für vier Erwachsene. Er fand dienstags und donnerstags nach der Schließung statt. Jonas und eine zweite Aufsichtsperson waren immer anwesend.
Marta arbeitete seit vier Jahren dort. Sie kannte den Geruch von Chlor, das Piepen der Schließfächer und jeden dunklen Fleck auf den Fliesen. Nur schwimmen konnte sie nicht.
Niemand wusste das.
Wenn die Beschäftigten im Sommer gemeinsam an einen See fuhren, sagte Marta, ihre Haut vertrage das Wasser nicht. Wenn ein Kollege sie fragte, ob sie nach der Arbeit ein paar Bahnen schwimmen wolle, erklärte sie, sie sei zu müde.
Die Antworten klangen vernünftig. Trotzdem fühlte sich jede wie eine kleine Lüge an.
Als Kind hatte Marta nie schwimmen gelernt. In ihrem Heimatort gab es kein Schwimmbad. Der nächste See war weit entfernt, und ihre Eltern hatten selbst Angst vor tiefem Wasser.
Mit zwölf Jahren war Marta bei einem Schulausflug von einem Steg gefallen. Ein Lehrer hatte sie sofort herausgezogen. Trotzdem erinnerte sie sich noch an das kalte Wasser über ihrem Gesicht und an das Gefühl, keinen Boden zu finden.
Ihre Tochter Sofia war elf und schwamm ausgezeichnet. Eines Morgens erzählte sie vom Familienschwimmen im Hallenbad.
„Eltern dürfen mit ins Becken.“
„Ich kann vom Rand zuschauen“, antwortete Marta.
„Du schaust immer vom Rand.“
Sofia sagte es nicht böse. Gerade deshalb blieb der Satz bei Marta.
Am selben Abend stand Marta nach ihrer Schicht vor dem Lehrschwimmbecken. Es war nur neunzig Zentimeter tief.
In der ersten Nacht ging sie nur am Rand entlang. Beide Hände lagen fest auf der Metallstange. In der zweiten Nacht versuchte sie, sich hinzusetzen. Als das Wasser ihre Schultern berührte, sprang sie sofort wieder auf.
In der dritten Nacht nahm sie ein Schwimmbrett. Für einen kurzen Moment lösten sich ihre Füße vom Boden. Marta erschrak so sehr, dass sie das Brett losließ und nach der Stange griff. Sie atmete schnell, und ihr Herz schlug bis in den Hals.
Nach jeder Übung trocknete sie den Boden besonders sorgfältig. Niemand sollte sehen, dass sie im Becken gewesen war.
Dann begann Jonas als neuer Bademeister.
An einem Donnerstag kam er nach Feierabend zurück, weil er sein Schlüsselbund vergessen hatte. Das Hallenbad war fast dunkel. Nur über dem Lehrbecken brannte Licht.
Marta hielt sich mit beiden Händen am Rand fest und versuchte, ihren Körper auf die Wasseroberfläche zu legen.
„Marta?“
Sie verlor sofort das Gleichgewicht. Obwohl sie im flachen Wasser stand, schlug sie mit den Armen um sich.
Jonas ging in die Knie und sprach ruhig: „Stellen Sie beide Füße auf den Boden. Der Boden ist direkt unter Ihnen.“
Schließlich stand Marta auf.
„Ich wollte nur etwas ausprobieren“, sagte sie.
„Allein nach Betriebsschluss?“
„Das Becken ist nicht tief.“
„Auch in flachem Wasser kann jemand stürzen, bewusstlos werden oder in Panik geraten.“
Am nächsten Abend wartete Jonas mit zwei Tassen Tee und einem Formular im Personalraum.
„Das ist ein Antrag für einen Schwimmkurs außerhalb der normalen Öffnungszeiten“, erklärte er.
„Ich möchte keinen Kurs.“
„Sie möchten schwimmen lernen.“
„Das ist nicht dasselbe.“
Jonas verstand den Unterschied. Allein konnte Marta ihr Geheimnis behalten. In einem Kurs würden andere Menschen sehen, dass eine Mitarbeiterin des Schwimmbads nicht schwimmen konnte.
„Ich sage niemandem etwas“, erklärte er. „Aber ich kann nicht zulassen, dass Sie nachts allein weiterüben.“
Er schlug zunächst drei sichere Einzeltermine vor. Die Leiterin musste wissen, dass das Lehrbecken nach der Schließung benutzt wurde. Den persönlichen Grund sollte Marta ihr selbst erklären.
„Warum muss alles so kompliziert sein?“, fragte Marta.
„Weil Wasser keine Ausnahme macht, nur weil jemand sich schämt.“
Am nächsten Tag sprach Marta mit der Leiterin Frau Kranz.
„Natürlich dürfen Sie einen Kurs machen“, sagte sie.
„Sie wundern sich gar nicht?“
„Doch. Aber nicht darüber, dass Sie nicht schwimmen können. Ich wundere mich, dass Sie vier Jahre lang geglaubt haben, Sie müssten es verstecken.“
Auch zwei andere Beschäftigte fühlten sich im Wasser unsicher. Deshalb entstand ein kleiner Kurs für vier Erwachsene. Er fand dienstags und donnerstags nach der Schließung statt. Jonas und eine zweite Aufsichtsperson waren immer anwesend.
Quelle: Germannika, „Die Frau, die nachts schwimmen lernte“ · 2026 · Abschnitte 1–6 · Abschnitte 1–6 der Lese-Episode „Die Frau, die nachts schwimmen lernte“, Niveau B1.2Originalquelle ↗
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